ZEITGENÖSSISCHE KUNST




Konrad Hummel


Grosses Requiem X




(Hör-) Versuch





INFO





FLAMBEAUX ÉTEINTS

für Konrad Hummel

Der Weg jedenfalls führte ihn an sein Ziel-
an das Ziel von uns allen.
Alexander Lernet-Holenia, Der Graf Luna

Konrad Hummels Arbeit stellt die Frage nach dem Sein, dem Sinn, der Existenz. Und ist redlich genug, die Antwort schuldig zu bleiben, bewusst dessen, dass es keine gibt. Zumindest nicht für den wachen Menschen, der die Welt sieht wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte. Dass dieses Unerlöstsein zwar zu Hoffnung keinen Anlass gibt, auch wenn sie´s insgeheim zu geben wohl imstande sein möchte, macht es nicht wunschlos, auch nicht fremd für Ironie und Witz – ließe sich ohne leben ? -, auch nicht finster, aber ernst. Und es bringt ihn auch dennoch nicht zum Verstummen. Und müsste man die Dinge nicht im Letzten dennoch tun? Gewiss wäre es ebenso legitim als Künstler frivol zu sein, genusssüchtig – Fun-Kultur würde man das heute nennen, Ästhetizismus oder Ekklektik huldigend; mehr wohl als sich den uneinlösbar-messianischen Anspruch zu stellen, Kunst könne im Ernst die Welt verändern. Auch wenn sie es manchmal eben trotz alledem tut. Aber die Ideale der Aufklärung, das Wahre, Schöne, Gute sind schon unter die Guillotine der Französischen Revolution geraten und spätestens in den Krematorien von Auschwitz zu Asche verbrannt. Das Wahre ist selten schön, das Schöne muss schon gar nicht wahr sein und ob sie gut wären, ist noch eine ganz andere Sache. Denn der Mensch ist fremd in dieser Welt und unbehaust, bedroht von allen Seiten und von Seinesgleichen. Und das Gesetz der Natur ist Schrecken: friss oder werde gefressen, der Stärkere gewinnt, auch wenn er selbst keinen guten Schlaf hat, und wehe den Besiegten. Nur mühsam trennt uns die dünne kulturelle Hülle von der allgemeinen Anarchie. Und die herrschende Ideologie der Glücksverheißung und der ungebremsten Selbstverwirklichung auf Kosten anderer ist ja nichts als Darwins Naturvorstellung in der Travestie des Wirtschaftsliberalismus. Wer dabei nicht gewinnt, der lernt die dunkle Seite kennen.

Von der handelt dieses Oeuvre, von Heimsuchung und Ausgesetztheit in der Welt, von Sehnsüchten und Hoffnungslosigkeit, vom Zwang, die Unsicherheiten zu verbergen, um keine Schwächen zu zeigen. Die Bilder und Blätter sind nicht licht, schon gar nicht affirmativ. Und ihre Beschränkung auf die Grau-Schwarz-Skala, die sparsamen Erdfarben liegt sehr wohl im Wesen dessen, was sie zeigen. Viel schient fahl von dem Ton der schweren Stunden, in denen man die Dinge wälzt. Aber in ihrem Habitus bedrücken sie doch nicht: nachdenklich, suchend, bohrend, nicht selten sind sie in ihrer Stille kontemplativ. Wie in ihrem Grundzug episch, auch wenn sie keine Geschichten erzählen oder Anekdoten, keine Gefühligkeit, kein falsches Pathos.

Wohl merklich Tragik. Die Tragik der Endlichkeit und des Scheiterns aller Dinge, da sie nicht ewig sind und nicht sein könnten. Die bewußte Wahrnahme macht mißtrauisch gegen die Versprechungen der Welt und läßt die Bruchlinien der Existenz fühlbar werden. Ist vielleicht die Unwissenheit Glück? Aber wissen wir vom Kummer der Unwissenden? Und dennoch hieße zu resignieren, sich zu ergeben. Diesen billigen Weg geht er nicht: Äußerung ist ein Dagegenhalten.

Zuweilen epigrammatisch in den Titeln: Versuch, Nachtrag, sind andere klingender: Nacht/Tod; und Choräle und Requiem zeigen nicht von ungefähr Analogie zur Musik, unternehmen sie doch ein zeichnerisch-malerisches Äquivalent zu dem was Musik an Klängen und Ladungen transportierte; und erlauben Konnotationen. Ziehen auch aus den assoziativen Rückerinnerungen des Betrachters, der Gattung des Requiems nach, der Ikonographie des Triptychons, der Figur des Gekreuzigten. Daneben aber auch andere Gestalten: Häupter, übergroße Antlitze wie Masken, Gesichte am Ende einer Schlange, wie jener Versuch im Garten Eden. Stierschädel, Raubkatze, Chimären gleich den horriblen der Angstträume. Aber auch Nimbusträger, Frauen mit schwellenden Leibern, guter Hoffnung? Gesichtslose, aber höchst individualisiert in Geste und Haltung. In Räumen, die sich dem definiten verweigern und oft mehrere Situationen übereinanderblenden. Das mögen private Örtlichkeiten sein, andre nur Relikte, Fassaden, Tempel, Paläste, Topographien, Fragmente von Bögen, Schalen, Kreissegmente. Sie entziehen sich der Eindeutigkeit vollkommen, bilden neu, zerlösen Raum. Und in ihrer Summe läßt sich das Unbekannte erkennen wie beinah Vertrautes:

Innen-Außen, Transitorik, Zwischenraum, Wiederkehr der Gedanken, zeichnerisch zunächst, die Linie, die Kontur bestimmt, drangvoll im Duktus des Malerischen, aber nie Tumult, durchdacht, gefaßt auf das Kommende. Simulantaneität und Endlichkeit der Welt, von der Augustinus behauptet hatte, Vergangenheit und Zukunft seien nicht und die Gegenwart spielte gerade auf der Grenze zwischen beidem. Die Kunst allein aber vermag es, die Gegenwart anzuhalten und ihr Dauer zu verleihn.

Gerhard van der Grinten




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