FOTOGRAFIE




Jens Titus Freitag

Wintermärchenmaschine 7


Glashaus Bayreuth 2003



Hafen Neuss 2003



Schacht Camphausen 2002



PCK Termische Crackanlage 2002



Koksofen Fürstenhausen 2002






INFO





Titus Freitag:
1963 geboren in Dortmund. Nach glücklicher Vorschulkindheit weniger fröhlicher Besuch zahlreicher Schulen. Ausbildung zum Kfz-Schlosser und als solcher in Berlin Citroën DS restauriert. Nach Bankrott dieser Firma als Automechaniker verdorben.

Beginn eines Kunststudiums. Mitarbeit am "unsichtbaren Mahnmal - 2147 Steine" von Esther und Jochen Gerz in Saarbrücken.

Auf der Kunsthochschule gemerkt, dass die Stahlskulpturen, mit denen ich aufgenommen wurde, 1940 interessant gewesen wären, daraufhin begonnen, mit der Camera Obscura zu arbeiten.

Seit bald zehn Jahren in einem Bauernhof in Ballweiler zu Hause, einer Mischung aus Atelier, Technikplunder & Tretrollermuseum, ewiger Baustelle und Küche.

Einzelausstellungen
Friedrichsthal anlässlich des "Otto-Weil-Kulturpreises" (2001)
Kunst- & Kulturverein Aschersleben und Arbeitsstipendium (2001)
Villa Kobe in Halle/Saale (2001)
Galerie "Zeitweise" Berlin (2001)
Galerie am Ratswall Bitterfeld (2002)
Kunstsammlugen der Stadt Limburg/Lahn (2002)
Kunstverein Schwedt/Oder (2002)
Orangerie Blieskastel (2002)
Hamburg, Freie Akademie der Künste (2003)
Bayreuth, CampusGalerie der British American Tobacco (2003)

Gruppenausstellungen
"Lange Museumsnacht Moritzburg" Halle/Saale (2001)
Galerie Jacob Halle/Saale mit Moritz Götze (2001)
"Fenster" - Projekt des Künstlerhauses 188 im Zentrum von Halle/Saale (2001)
Stadtgalerie Saarbrücken als Gast des saarländischen Künstlerbundes (2001)
Orangerie Blieskastel (2002)
Art Frankfurt bei Sandmann & Haak (2002)
Saarländischer Künstlerbund Saarbrücken (2003)
Villa Vauban + Musèe d’Histoire de la Ville de Luxembourg (2003/2004)

Auszeichnungen/Stipendien
Otto-Weil-Kulturpreis der Stadt Friedrichsthal (2001)
Arbeitsstipendium Kunst- & Kulturverein AKKU Aschersleben (2001)
F. C. Gundlach über Jens Titus Freitag (mit freundlicher Genehmigung)
Eine enorme Camera Obscura

In unserem täglichen Leben werden wir von Bilderfluten überschüttet. Die ganze Welt ist verbunden durch ein Netzwerk visueller Informationen, wir werden von einem konstanten Strom elektronischer Bilder umspült. Informationen, deren Wahrheitsgehalt wir nicht überprüfen können, von denen wir nicht wissen, ob sie real oder virtuell sind, von denen wir nicht wissen, wann, wo und von wem sie aufgenommen sind. Deshalb erscheint es geradezu anachronistisch, sich mit Bildern zu beschäftigen, die nach einem Urprinzip photographischer Technik hergestellt wurden, mit einem Apparat, der bereits Mathematikern und Gelehrten in China und Griechenland bekannt war und der schon von Leonardo da Vinci präzise beschrieben wurde: die Camera Obscura - die dunkle Kammer. In ihr ist das Seh-Prinzip des menschlichen Auges nachgebildet.

Nun ist die Camera Obscura von Jens Titus Freitag von besonderer Größe: Er hat einen Lastwagen mit einem kastenförmigen Aufbau zu einer mobilen Camera umfunktioniert, die es ihm erlaubt, an fast jeden beliebigen Ort seine Photographien herzustellen. Die eine Seitenwand des Lastwagens verfügt über eine kleine lochförmige Öffnung, die je nach Lichtverhältnissen mittels Steckblenden von 0,6 mm auf 2,3 mm vergrößert werden kann. Auf der gegenüberliegenden Wand wird ein lichtempfindliches Papier montiert. Die von einem jedem Gegenstand vor dieser Öffnung reflektieren Lichtstrahlen treten durch dieses Loch in die dunkle Kammer ein und projizieren auf der gegenüberliegenden Wand ein scharfes, allerdings auf dem Kopf stehendes und seitenverkehrtes Bild. Auf dem lichtempfindlichen Papier entsteht so ein negatives Unikat.

Für dieses Aufnahmeverfahren braucht man viel Zeit. Die Belichtungszeiten variieren von einigen Minuten bis zu mehrere Stunden. Daher strahlen Freitags Arbeiten eine kontemplative Ruhe aus, die auch vielen Photographien des 19. Jahrhunderts zu eigen ist. Beispielsweise erinnern sie an eine der ersten, von Louis Jacques Mande Daguerre aus seinem Atelierfenster aufgenommenen Straßenszenen, den Boulevard du Temple in Paris. Auch hier spielten Belichtungs-Zeit und Zufall eine Rolle: Dem Passanten, der zufällig stehen blieb, um sich seine Schuhe putzen zu lassen, wurde das Privileg zuteil, als erster Mensch auf einer Photographie abgebildet zu sein. Durch sein Verweilen kam der Faktor Zeit ins Spiel, der in der Photographie bis zum heutigen Tage - bis zum Bruchteil einer Sekunde - eine entscheidende Rolle spielt.

Das Phänomen Zeit nimmt im Falle der Camera Obscura sogar auf die Bildmotive selbst Einfluss. Alles, was sich schnell bewegt, verschwindet, alles Langsame hinterlässt lediglich Schatten, nur das, was sich gar nicht bewegt, wird präzise abgebildet. Ausnahmen bestätigen die Regel: So stellte z.B. Jens Titus Freitag bei seiner Arbeit fest, dass Äste von sich bewegenden Bäumen überraschenderweise exakt abgebildet werden, da sie während der oft stundenlangen Belichtungszeiten immer wieder in ihre ursprüngliche Position zurückkehren.

Jens Titus Freitag konfrontiert uns in seinen großformatigen Bildern mit Wahrnehmungsebenen und Verfremdungen von Wirklichkeit. Besonders wird dies bei den Photographien deutlich, die architektonische Motive zeigen. Im Gegensatz zu den Bildern von Bernd und Hilla Becher, die mit ihren Arbeiten über die Industriearchitektur nicht nur eine Typologie industrieller Zweckbauten entworfen haben und sie stets aus zentraler Perspektive im immer gleichen Licht photographierten, sind die Photographien von Freitag expressiv angelegt. Es sind subjektive Darstellungen von industriellen Objekten, die ihre Kraft sowohl aus den starken Schwarz-Weiß-Kontrasten als auch aus den bewussten perspektivischen Verzeichnungen erzielen. Sie beziehen ihre Kraft aus der Reduktion auf graphische Elemente. Durch die Abbildung im Negativ und durch die starken Hell-Dunkel-Kontraste treten Formen und Strukturen hervor, die wir normalerweise kaum wahrnehmen. Wir sehen Fugen und einzelne Bauelemente, sonst Unsichtbares oder nur sekundär Wahrnehmbares wird erkennbar.

Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit, die Reaktivierung und das Experimentieren mit inzwischen historisch gewordenen Techniken, ist Teil der Diskussion um die zukünftige Positionierung des Mediums Photographie. Die neuen digitalen Medien haben die analoge Photographie vom Zwang des Abbildens, der Dokumentation, von ihren Dienstleistungsfunktionen verdrängt, vielleicht sollte ich besser sagen: befreit. Die Werke von Künstlern, die mit Photographie arbeiten, sind längst zum selbstverständlichen Bestandteil künstlerischen Wirkens geworden. Die Zukunft wird zeigen, mit welchen Inhalten und in welchen Formen sich die Photographie als Medium der Bildenden Kunst weiter entwickeln wird.




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