FOTOGRAFIE



Der 1. Weltkrieg in Farbe
Fotografien aus der Sammlung Reinhard Schultz












INFO







Der Große Krieg, der von 1914 bis 1918 in Europa, im Nahen Osten, Afrika und Ostasien geführt wurde, forderte mindestens 9 Millionen Menschenleben.
Während das Blut, das an den Fronten vergossen wurde, rot war, sind die Bilder, die uns im Gedächtnis geblieben sind schwarzweiß.
Tatsächlich gab es mit dem Erscheinen der von den Gebrüdern Lumiere in Lyon erfundenen Autochromplatte ab 1907 die Möglichkeit, farbige Diapositive herzustellen. So kann es nicht verwundern, das bereits im 1. Weltkrieg an einigen Fronten in Farbe fotografiert wurde. Natürlich handelte es sich bei diesen Aufnahmen nicht um private Reportage, sondern um Bilder, die für die Zwecke der Armee und ihrer Propaganda gemacht wurden. Allein diese Verwendung deutet schon an, dass die Fotos noch während des Krieges publiziert wurden.
So erschienen die Aufnahmen des deutschen Kriegsfotografen Hans Hildenbrand in der Form von Postkarten, die von der Farbenphotographischen Gesellschaft m. b. H. Stuttgart herausgegeben wurden. Obwohl sie zahlreich unter Sammlern kursieren, hat sich bis 2004 niemand mit ihrer Bedeutung im Zusammenhang der Geschichte der Fotografie befasst.
Noch erstaunlich ist jedoch, dass in Frankreich zahlreiche Fotografen im 1. Weltkrieg tätig waren,ohne dass außerhalb des Landes davon Kenntnis genommen wurde. Selbst in Frankreich hat sich offensichtlich bis 2004 fast niemand für die Bestände der Werke von Jules Gervais-Courtellemont, Léon Gimpel, Fernand Cuville und andere gekümmert.
Die wahren Entdecker der aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwundenen Farbaufnahmen sind erstaunlicherweise die Australier. 1917 waren zwei ihrer Fotografen, Hubert Wilkins und Frank Hurley, nach Flandern gereist, wo sie Autochrome belichteten. Im Oktober 1917 wurde Hurley an die osmanische Front in Palästina geschickt. Ihre Bilder und Aufnahmen aus den französischen Beständen wurden vom Australian War Memorial 2004 erstmals als Ausstellung gezeigt, was trotz Internet in Europa und Amerika nicht zur Kenntnis genommen wurde.
Erst mit den zahlreichen Publikationen aus Anlass des 90. Jahrestages des Beginns des 1.Weltkrieges tauchten einzelne Farbbilder auf, wobei es in der Regel französische Aufnahmen waren. Nur in der Zeitschrift stern erschienen in Deutschland auf Doppelseiten zwei Aufnahmen von Hans Hildenbrand. Obwohl er vor 1930 mehr Farbaufnahmen als jeder andere deutsche Fotograf gemacht hat, findet sich sein Name in keiner Geschichte der Fotografie.
In dieser Ausstellung werden Fotos von Hildenbrand, von den französischen und australischen Fotografen, dem Russen Prokudin-Gorski und anderen Fotografen gezeigt, deren Namen wir nicht kennen.
Es ist also keine chronologische Geschichte des Krieges und seiner Schlachten. Es ist vielmehr eine Illumination der Farben jenes Krieges, der bislang immer schwarzweiß war.
Zusätzlich präsentieren wir hier eine kleine Auswahl der visuellen Propaganda der Konfliktparteien in Form von Plakatmotiven und Kunstwerken - natürlich in Farbe.



Autochromverfahren

Als Autochromverfahren bezeichnet man ein frühes Verfahren zur Fertigung farbiger Fotografien in Form eines Diapositivs. Es wurde 1904 von den Gebrüdern Auguste und Louis Lumière in Lyon entwickelt. Mit dem auf Farbrasterung basierenden Verfahren war es erstmals möglich, ein Farbbild mit einer einzigen Aufnahme zu erzeugen. Voraussetzung für die sehr realistische Farbwiedergabe durch die Autochromes war die vorausgegangene Entwicklung panchromatischer Emulsionen, also lichtempfindlicher Substanzen, die alle Farben des Farbspektrums gleichmäßig wiedergeben. Allerdings war die Belichtungszeit für eine Aufnahme sehr lang.

Zur Herstellung der erstmals 1907 verkauften Autochromplatten nach dem Verfahren der Brüder Lumière brachte man auf eine mit Kleber überzogene Glasplatte mit einem Dachshaarpinsel eine Schicht aus orangerot, grün und violett eingefärbten Kartoffelstärkekörnchen auf. Die Körnchen hatten einen Durchmesser von zirka 15 µm bis 20 µm. Sie waren so gemischt, dass keine der drei Farben hervortrat. Beim Aufbringen wurde darauf geachtet, dass die Schicht nur ein Korn dick war. Die aufgrund der ovalen Kornform auftretenden Zwischenräume füllte man mit pulverisierter Holzkohle. Auf diese anschließend mit einem Firnis mit kleinerem Brechungsindex als Stärke abgedeckte und als Farbfilter dienende Schicht wurde als lichtempfindliche Schicht eine panchromatische Silberbromid-Gelatine-Emulsion aufgebracht. Die Belichtung der Platte erfolgte von der unbeschichteten Seite der Glasplatte aus. Durch die Filterung des Lichtes nach den Grundfarben ergab sich in der Silberbromid-Gelatine-Emulsion ähnlich wie bei pointillistischen Gemälden oder dem Farbfernsehen auf Grund der additiven Farbmischung der nebeneinanderliegenden unterschiedlich gefärbten kleinen Farbfiltern, also der einzelnen Stärkekörnchen, bei ausreichendem Betrachtungsabstand eine scheinbar homogene Farbfläche.

Wurde die Platte wie eine gewöhnliche schwarz-weiße Negativplatte entwickelt, musste sie zur Gewinnung eines von der Glasseite her zu betrachtendes und von der Emulsionsseite her zu beleuchtendes Diapositivs auf eine andere Autochromplatte umkopiert werden. Stattdessen war aber auch eine Umkehrentwicklung möglich, die sogleich ein Diapostiv lieferte.
Bei dem später (1916) an den Markt gebrachten Autochrommaterial der Firma Agfa („AGFA-Farbenplatte“) dienten als Farbraster keine Kartoffelstärkekörnchen, sondern feinste Farbtröpfchen. Das AGFA-Verfahren hatte, da die Tröpfchen unmittelbar aneinanderstießen, den Vorteil, dass keine Lücken zwischen den Farbpartikeln mit Kohlestaub maskiert werden mussten. Die AGFA-Farbenplatte wirkte daher etwas heller und transparenter als die Autochromplatte der Brüder Lumière.



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